Swisslex vs. Legora vs. Enclava: Drei Ansätze für Schweizer Rechtsrecherche

Ein ehrlicher Vergleich der drei Plattformen für Schweizer Rechtsrecherche. Wo jede stark ist, wo jede schwach ist und welche zu wem passt.

Swisslex vs. Legora vs. Enclava: Drei Ansätze für Schweizer Rechtsrecherche

Wer in der Schweiz professionell mit Recht arbeitet, kennt die Frage: Welches Tool? Es gibt etablierte Anbieter und neue. Alle versprechen schnellere, bessere Recherche. Aber die Unterschiede liegen in der Architektur, nicht im Marketing.

Dieser Vergleich ist so ehrlich wie möglich. Wir sind einer der drei Anbieter, also sind wir befangen. Wir versuchen trotzdem, fair zu sein. Keine Schönfärberei über uns, keine Verzerrung über die anderen. Die Fakten sind öffentlich verfügbar.

Die drei Modelle

Swisslex: Der Verlag

Swisslex ist das meistgenutzte juristische Recherchetool der Schweiz. Betrieben von Schulthess (Teil der NZZ-Gruppe). Seit über 20 Jahren am Markt.

Stärken:

  • Breite. Gesetze, Entscheide, Zeitschriftenartikel, Kommentare. Das grösste Gesamtpaket.
  • Exklusive Inhalte. Juristische Zeitschriften (AJP, SJZ, ZSR und viele mehr) und Verlagskommentare sind nur hier verfügbar. Kein Scraper der Welt kann publizierte Fachaufsätze replizieren.
  • Marktposition. De-facto-Standard in Schweizer Kanzleien. Wer als Anwalt arbeitet, hat Swisslex. Punkt.
  • Verlässlichkeit. Redaktionell betreut. Gesetze werden von Redakteuren geprüft, bevor sie aufgeschaltet werden.

Schwächen:

  • Suchqualität. Stichwortsuche. Kein semantisches Verständnis. Wer das falsche Wort wählt, findet nichts. Wer das richtige Wort wählt, findet zu viel.
  • Preis. Für mittelgrosse Kanzleien fünfstellig pro Jahr. Für kleine Firmen und Treuhänder kaum erschwinglich. Genaue Preise nur auf Anfrage.
  • Kantonale Abdeckung. Bundesgerichtsentscheide sind vollständig. Kantonale Rechtsprechung ist lückenhaft. Manche Kantone sind gut abgedeckt, andere kaum.
  • Keine API. Kein programmatischer Zugang. Keine Integration in eigene Workflows.
  • Geschwindigkeit. Die Aufschaltung neuer Entscheide dauert. Zwischen Publikation durch das Gericht und Verfügbarkeit auf Swisslex können Tage bis Wochen liegen.

Legora: Der KI-Herausforderer

Legora ist ein Schweizer Legal-Tech-Startup. 2024 mit über CHF 4 Millionen finanziert. Bewertung über CHF 30 Millionen. Positioniert sich als KI-gestützte Alternative zu den klassischen Datenbanken.

Stärken:

  • KI-Suche. Natürlichsprachige Abfragen. Statt Stichwörtern kann man Fragen stellen.
  • Modernes Interface. Schnell, clean, zeitgemäss. Fühlt sich an wie ein modernes Produkt.
  • Finanzierung. Gut kapitalisiert. Kann in Produktentwicklung investieren.
  • Fokus auf Nutzerfreundlichkeit. Die Einstiegshürde ist niedrig.

Schwächen:

  • Quellenverifizierung. Legora nutzt KI-Modelle zur Aufbereitung. Wie bei jedem LLM-basierten System besteht das Risiko von Halluzinationen. Die Frage ist: Wie wird sichergestellt, dass jede Antwort auf eine echte Quelle zurückführbar ist?
  • Abhängigkeit von Dritten. Nutzt externe KI-Modelle (vermutlich OpenAI oder ähnlich). Daten fliessen an US-Server. Für Kanzleien mit strengen Vertraulichkeitsanforderungen problematisch.
  • Begrenzte Datentiefe. Ob Legora alle 26 Kantone, alle 115 Gerichte und die gesamte kantonale Rechtsprechung abdeckt, ist nicht klar kommuniziert.
  • Noch jung. Wenig Track Record. Die Frage ist nicht, ob das Produkt heute funktioniert, sondern ob es in fünf Jahren noch existiert.

Enclava: Die Datenplattform

Enclava ist unser Produkt. Wir sind befangen. Hier trotzdem die ehrliche Einschätzung.

Stärken:

  • Datenumfang. 27.795 Gesetze, 2,02 Mio. Gesetzeseinheiten, 1,14 Mio. Gerichtsentscheide, 115 Gerichte, 26 Kantone, FINMA (27 Tabellen), SHAB (2,5 Mio. Einträge). Alles aus offiziellen Quellen.
  • Quellenverifizierung. Jeder Datenpunkt verlinkt auf die offizielle Staatsquelle. Keine redaktionelle Bearbeitung der Originaltexte. Was der Staat publiziert, ist was Sie sehen.
  • Zitationsgraph. 1,42 Millionen Zitationskanten. Welcher Entscheid zitiert welchen Artikel? Wie hat sich die Rechtsprechung entwickelt? Das kann weder Swisslex noch Legora in dieser Tiefe.
  • Semantische Suche. Embeddings über den gesamten Korpus. Suche nach Konzepten, nicht nur nach Wörtern.
  • Tagesaktualität. Nightly Scraping. Was gestern publiziert wurde, ist heute durchsuchbar.
  • Preis. CHF 990/Monat für eine Firma. Ein Bruchteil von Swisslex.
  • Datensouveränität. Schweizer Hosting. Keine Datenflüsse an US-Cloud-Anbieter.

Schwächen:

  • Keine Verlagsinhalte. Keine Zeitschriftenartikel, keine Kommentare, keine Fachaufsätze. Wer die SJZ oder den Basler Kommentar braucht, braucht Swisslex. Das können wir nicht replizieren und versuchen es nicht.
  • Kein Track Record. Wir sind neu. Das ist ein legitimer Einwand. Wer seit 20 Jahren auf Swisslex setzt, hat gute Gründe, nicht zu wechseln.
  • Noch kein vollständiges Produkt. Einige Features (interaktiver Zitationsgraph, WatchTower-Alerts, konfigurierbare Watchlists) sind in Entwicklung. Sie sind nicht live.
  • Kleines Team. Wir haben nicht die Ressourcen eines Verlags. Wenn etwas bricht, dauert die Reparatur länger.

Der ehrliche Vergleich

Kriterium Swisslex Legora Enclava
Bundesgesetze Vollständig Teilweise Vollständig
Kantonale Gesetze (26 Kt.) Teilweise Unklar Vollständig
BGer-Entscheide Vollständig Vollständig Vollständig
Kantonale Entscheide (115 Gerichte) Teilweise Unklar 1,14 Mio.
Zeitschriften/Kommentare Ja (exklusiv) Nein Nein
Semantische Suche Nein Ja Ja
Zitationsgraph Begrenzt Nein 1,42 Mio. Kanten
FINMA-Abdeckung Teilweise Nein 27 Tabellen
SHAB-Daten Nein Nein 2,5 Mio. Einträge
Tagesaktualität Nein (Tage-Wochen Lag) Unklar Ja (nightly)
Datensouveränität Schweiz Unklar (externe LLMs) Schweiz
API-Zugang Nein Unklar Geplant
Preis (Firma) CHF 5.000-30.000+/Jahr Auf Anfrage CHF 990/Monat
Am Markt seit 2000+ 2024 2026

Wer braucht was?

Grosse Kanzlei (50+ Anwälte): Swisslex bleibt unverzichtbar wegen der Verlagsinhalte. Enclava als Ergänzung für kantonale Abdeckung, Zitationsanalyse und FINMA-Recherche.

Mittlere Kanzlei (10-50 Anwälte): Hier wird es interessant. Wenn die Praxis nicht stark auf Verlagskommentare angewiesen ist (Wirtschaftsrecht, Compliance, Steuerrecht), kann Enclava die primäre Rechercheplattform sein. Swisslex als Ergänzung für die Fälle, in denen ein Kommentar gebraucht wird.

Treuhand/Beratung: Swisslex ist oft zu teuer und zu juristisch. Legora ist eine Option, wenn die KI-Suche überzeugt. Enclava ist gebaut für diesen Markt: breite Abdeckung, faire Preise, keine juristische Vorkenntnisse nötig.

FINMA-beaufsichtigte Institute: Keine der drei Plattformen hatte bisher einen FINMA-Fokus. Enclava ist die einzige mit systematischer FINMA-Abdeckung (27 Tabellen, Rundschreiben, Enforcement).

Solo-Anwalt oder kleine Kanzlei: Budget ist der Engpass. Swisslex ist zu teuer. Legora ist eine Option. Enclava bei CHF 990/Monat ist an der Grenze. Für Solo-Anwälte werden wir ein kleineres Paket anbieten.

Was wir voneinander lernen können

Swisslex hat etwas, das weder Legora noch wir haben: zwei Jahrzehnte Vertrauen. Das kommt nicht vom Marketing. Es kommt davon, dass das Produkt jeden Tag funktioniert hat. Für Anwälte, die vor Gericht stehen und sich auf ihre Quelle verlassen müssen, ist Track Record nicht verhandelbar.

Legora hat etwas, das Swisslex fehlt: eine moderne Nutzeroberfläche und den Mut, KI als Kernfeature zu positionieren. Das senkt die Einstiegshürde für Nutzer, die keine Juristen sind.

Wir haben etwas, das beiden fehlt: die Tiefe der Daten. 1,14 Millionen Entscheide, 115 Gerichte, 1,42 Millionen Zitationskanten, 27 FINMA-Tabellen. Daten, die direkt von der Quelle kommen, ohne redaktionellen Filter, ohne Lag.

Der Schweizer Legal-Tech-Markt ist gross genug für alle drei. Die Frage ist nicht, wer gewinnt. Die Frage ist, wer für welchen Nutzer das richtige Werkzeug baut.

Unsere Empfehlung

Probieren Sie alle drei aus. Ernsthaft.

Wenn Sie Swisslex haben und zufrieden sind: Bleiben Sie dabei. Testen Sie Enclava als Ergänzung für die Bereiche, die Swisslex nicht abdeckt.

Wenn Sie kein Swisslex haben und keine Verlagsinhalte brauchen: Schauen Sie sich Enclava an. Die Datentiefe ist real. Der Preis ist fair.

Wenn Sie vor allem eine KI-gestützte Suche wollen und Datensouveränität kein kritisches Thema ist: Schauen Sie sich Legora an.

Die beste Plattform ist die, die Ihren konkreten Arbeitsprozess verbessert. Nicht die mit der schönsten Website.


Dieser Artikel dient der Information und stellt keine Rechtsberatung dar. Mont Virtua ist Anbieterin der Enclava-Plattform und damit in diesem Vergleich befangen. Alle Angaben zu Drittanbietern basieren auf öffentlich verfügbaren Informationen (Stand: März 2026).

Zurück zum Blog

Verwandte Artikel